Ausgabe 1/2017

Die erweiterte Realität

Von Menschen und Hologrammen

Der Astronaut schwebt direkt vor mir im Raum und winkt mir zu. Ich beachte ihn nicht weiter, laufe um ihn herum und sehe mir lieber das Browserfenster an, das an der Wand klebt. Netflix? Nicht bei der Arbeit! Stattdessen öffne ich mit einer Handbewegung das Hauptmenü und starte Skype. Schließlich sind wir in ein paar Minuten zu einer holografischen Telekonferenz mit Entwicklern in Palo Alto verabredet...

Was bis vor Kurzem primär in die Domäne der Science Fiction gehörte, hält langsam aber sicher Einzug in unseren Alltag. Ob über Googles „Tango“ Plattform oder die HoloLens von Microsoft: Derzeit drängen verschiedene Technologien auf den Markt, anhand derer die eigentliche Umwelt durch digitale Informationen angereichert wird und zu einer gemischten Realität, der Mixed Reality, verschmilzt. Dabei verschwimmt nicht nur die Grenze zwischen spielerischer und ernsthafter Anwendung, sondern auch die zwischen physischer und virtueller Realität.

Wir geben Ihnen, den Leserinnen und Lesern von context Online, mit diesem Beitrag einen exklusiven Einblick in die spannenden neuen Möglichkeiten erweiterter Realitäten. Zunächst einmal zu den Begriffen selbst.

Augmented Reality (Englisch für „erweiterte Realität“) meint grundsätzlich die „computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung“. Im Gegensatz zur Virtual Reality (VR), die eine komplett eigene Welt um die Nutzerinnen und Nutzer herum erzeugt, ersetzt die Augmented Reality (AR) die Umwelt nicht, sondern erweitert diese um digitale Informationen. Diese Informationen kann man zusammenfassend als Hologramme bezeichnen, 2D und 3D Objekte, die sich im Raum platzieren lassen oder sich in diesem bewegen und mit denen die User interagieren können. Damit dies funktioniert, muss der Raum vermessen werden. AR-Geräte arbeiten dazu mit 3D Kameras, welche die Tiefeninformationen des Raumes erfassen und an die Software weitergeben, die dann die Hologramme im Raum platziert bzw. steuert.

Gänzlich neu ist das Prinzip der erweiterten Realität übrigens nicht: In bestimmten Bereichen, wie etwa der Luft- und Raumfahrt, sind spezifische AR-Anwendungen wie Head-Up-Displays (HUD) seit vielen Jahren im Einsatz. Durch die rasante Entwicklung im Bereich der mobilen Kommunikation und den neuen, immer leistungsfähigeren Endgeräten, wird die Augmented Reality jedoch massentauglich und erfasst alle Bereiche des Alltags: von der Architektur über industrielle Anwendungen, hin zu Medizin, Unterhaltung und cross-medialer Zusammenarbeit.

Wem das zu abstrakt klingt, dem mag das folgende Anwendungsbeispiel helfen, sich ein Bild von Augmented Reality bzw. Mixed Reality zu machen:
Ein interdisziplinäres Team aus Ingenieuren, Physikern und Software-Entwicklern arbeitet gemeinsam an einem komplexen technischen Objekt, etwa einem Triebwerk. Was in unserem AR-Experiment (siehe Video) nur skizziert wird, könnte in wenigen Jahren schon zu einem Standardprozess bei Engineering und Produktentwicklung werden. Noch sind die Geräte in ihrer Leistung begrenzt. Doch legt man die rasante Geschwindigkeit zugrunde, mit der die Leistung im Halbleiterbereich gemäß des Moore’schen Gesetztes zunimmt, können wir ahnen was bald möglich sein wird…

So ist es absehbar, dass AR / MR Brillen wie die HoloLens in naher Zukunft Monitore ablösen werden. Warum Informationen in einen so begrenzten Rahmen wie einen Monitor zwängen, wenn einem der gesamte Raum dafür zur Verfügung steht? Stehen wir am Anfang einer Ära der gemischten Realität? Werden bald Hologramme und Menschen Hand in Hand durch die Straßen schlendern?

Das mag für manche erschreckend und überfordernd klingen. Aber die Technologie bietet weitreichende Möglichkeiten, die wir erst langsam ausloten. Während ich diese Zeilen schreibe erstellt mein Kollege ein 3D Hologramm seiner selbst. Ob er sein digitales Abbild als nächstes in einen Raumanzug zwängen wird, um es gemeinsam mit Microsofts Holo-Astronauten durch unser Büro schweben zu lassen, bleibt abzuwarten.

Text: Martin Schaarschmidt, INSPIRATIONlabs GmbH
AR-Demo: Dominic Böttger & Alexander Knapstein, INSPIRATIONlabs GmbH
Text & Demo exklusiv für die Onlineausgabe des context Magazins von HeidelbergCement.

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